Call for Papers: Was sind Denkfiguren?

Für Information:

Call for Papers

Was sind Denkfiguren? Figurationen unbegrifflichen Denkens in Metaphern, Diagrammen und Kritzeleien.

Freie Universität Berlin, 25.-26. Februar 2011

Ein Begriff hat Konjunktur, doch fehlt es ihm an jeglicher Bestimmung! Von Denkfiguren kann in den Literatur- und den Kunstwissenschaften, in der Philosophie, eigentlich in jeder Theorie gesprochen werden – das geschieht auch nicht zu wenig. Auf die Frage aber, was sich dahinter verbirgt, gibt es bisher kaum eine Antwort. Dennoch lassen sich einige wenige Ansätze finden:

1. So hat Jean-Francois Lyotard in seinem Buch Discours, Figure einen Begriff der Denkfigur (figure de pensée) entworfen, der sich am Figuralen von Mallarmés Anordnungen der Wörter im Coup de dées orientiert, letztlich aber den nicht-sichtbaren, dem Diskurs impliziten Figuren zugeschrieben wird. Derart ist der Diskurs bei Lyotard durch eine tieferliegende Schicht bestimmt, jene der Denkfiguren, die nicht-repräsentative Bewegungen innerhalb der Diskurse freisetzen und damit Gemütsbewegungen (Affekte) in denselben einführen, ihn damit affizieren.

2. Eine zweite Referenz auf die Denkfiguren kann man in Gilles Châtelets Aufweis eines gestischen Denkens finden, das sich in den Diagrammen von Wissenschaftlern eingefroren findet. In Les enjeux du mobile verortet Châtelet das produktive und operative Moment der Theoriebildung in den wissenschaftlichen Metaphern (Denkfiguren?), die in die festgestellten Aussagetypen der Wissenschaften intervenieren und in den diagrammatischen Zeichnungen der Wissenschaftler festgehalten werden. Einmal eingefroren, kann man nun in die aufgezeichneten Denkfiguren eingreifen, indem man sie variiert, übereinander blendet, verschiedentlich kombiniert oder zeichnend neu erfindet.

3. Versteht man Denkfiguren als figurae sententiarum, die in der klassischen Rhetorik von den Sprachfiguren (figurae verborum) unterschieden wurden, so bezeichnet der Begriff eine Form der Gedankenführung. Schon in der Antike war die genaue Einordnung vieler rhetorischer Figuren in eine der beiden Kategorien umstritten. Im Kontext einer philosophischen Neubestimmung des Begriffs ließe sich die Denkfigur als eine Form unbegrifflichen Denkens fassen. Damit eröffnen sich enge Bezüge insbesondere zu Hans Blumenbergs Entwurf einer Theorie der Unbegrifflichkeit und die ihr vorausgehenden Paradigmen zu einer Metaphorologie.

4. Schließlich wäre auch eine Diskussion des Begriffs im Kontext ähnlicher oder verwandter Konzepte möglich. Lassen sich Denkfiguren z.B. als dynamische Schemata (Henri Bergson), Denkstile (Ludwig Fleck), Paradigmen (Thomas Kuhn/Giorgio Agamben), Episteme (Michel Foucault), Pathosformeln (Aby Warburg), figurale Disjunktionen (Georges Didi-Huberman) conceptual metaphors (George Lakoff/Mark Johnson) bzw. conceptual blendings (Gilles Fauconnier/Mark Turner) verstehen? Wie ließe sich ein Bezug zu den obigen Ansätzen herstellen? Wo und wie lassen sich entscheidende Differenzen markieren?

Mit diesem Call for Papers möchten wir Interessenten einladen, sich im Rahmen eines Workshops mit eigenen Arbeiten diesem Phänomen zu nähern, Beispiele zu diskutieren und erste Theorieangebote zu formulieren. Geplant ist eine offene “Fallstudien”-Sektion, in denen konkrete Beispiele von Denkfiguren vorgestellt, erkundet und profiliert werden, während wir in einer “Theorie”-Sektion eher abstrakte Fragen zu jenen nicht-begrifflichen und dennoch theoriebildenden Operationen erörtern wollen, die – zusammengefasst im Begriff der Denkfigur – einen ersten, aber noch zu differenzierenden Ausdruck finden. Um eine Anschließbarkeit der Beiträge untereinander und eine produktive Diskussion der Themen zu gewährleisten, bitten wir darum, in den Vorträgen, je nach Themenzuschnitt und Schwerpunkt, mindestens eine der folgenden Fragen zu adressieren:

1. Was sind Denkfiguren? Unterscheiden sie sich von Tropen, Diagrammen und Begriffen?
2. Wo bzw. wann tauchen Denkfiguren auf? Was ist ihr genuiner Einsatzort bzw. -moment?
3. Wie verfahren Denkfiguren? Was sind ihre originären Operationen? Was können sie (nicht)?

Der Workshop wird am 25./26.02.2011 im Graduiertenkolleg „Schriftbildlichkeit“ (FU Berlin) stattfinden. Für die Beiträge sind 45 Minuten incl. Diskussion vorgesehen. Themenvorschläge in Form eines Abstracts (ca. 2000 Zeichen) können bis zum 20.12.2010 an alexander.friedrich@gcsc.uni-giessen.de gesendet werden.

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